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WingTsun-Welt Online

Porträt Oliver König

GM Dr. Oliver König

9. Großmeistergrad, 5. Meistergrad h.c. Escrima


Mitgeschäftsführer der EWTO

Doktor der Sportpädagogik

Landestrainer Österreich, Tschechien, Slowakei

 

Motto:

WT ist für mich Philosophie in Bewegung. Es ist einfach und komplex. Es ist effektive Kampfkunst und ChiKung. Es ist hart und weich, Yin und Yang. Ich finde mit WT die Mitte, die Balance, nicht nur im Kampf, sondern auch im Leben!

Warum hast du mit WingTsun/Escrima angefangen?

Als Jugendlicher stand bei mir die Selbstverteidigung im Vordergrund. Ich war zwar rhetorisch gut drauf, aber bei Streitereien gingen meine Mitschüler meist zur körperlichen Phase über und dabei zog ich den Kürzeren. So fing ich mit 13 Jahren mit Karate an und landete als 16-Jähriger schließlich beim WingTsun, das mich seitdem in seinen Bann zog.

Warum machst du immer noch WingTsun/Escrima?

WingTsun ist mein Leben. Es ist mehr als ein Beruf, eher eine Berufung. Ich habe in der EWTO eine zweite Familie gefunden, mit SiFu als Vaterfigur und Mentor und mit meinen Kollegen, zu denen ich zum Teil ein wirklich brüderliches Verhältnis habe.

So ist der traditionelle Begriff der WingTsun-Familie für mich weit mehr als ein asiatischer Mythos oder eine gedankenlos übernommene Verhaltensweise. WingTsun hat sich im Laufe der Zeit durch viele Innovationen ständig verändert und ist dabei gewachsen, und das macht es für mich umso interessanter. Leben bedeutet für mich auch ständiges Wachstum, denn wie in der Natur gäbe es nur die Wahl zwischen Wachstum oder Absterben.

Welches war dein herausragendes WingTsun-Erlebnis?

Da gibt es viele, weil ich WT ja schon seit ca. 35 Jahren mache. Einiges prägte sich im Laufe der Jahre ein. Zum Beispiel als ich meine 5. Schülergradprüfung machte, stand ein Stresstest in Form einer sogenannten Kreisverteidigung auf dem Prüfungsplan. Damals war dies eine der härtesten Prüfungen. Ich war stolz, dass ich den Test „überlebte“; denn wer konditionell und kämpferisch nicht gut genug war, wurde von SiFu über weitere Runden getrieben, und irgendwann versagte man dann meist konditionell …

Im Jahre 1996 reiste ich mit einem Team unter GM Leung Ting – u.a. mit GM Giuseppe Schembri – nach Loudi in China, um WingTsun in einer der größten KungFu-Schulen des Landes zu unterrichten. Wir hatten ein mulmiges Gefühl, als wir von Hunderten in Bruce-Lee-Film-Gewändern gekleideten Schülern intensiv unter Augenschein genommen wurden. Ich dachte mir damals: „Wie können wir als Westler denen etwas zeigen? Die haben die Sache doch erfunden.“ Aber wir waren extrem erfolgreich! Speziell mit unseren westlichen Unterrichtsmethoden konnten wir die Schüler begeistern.

Was ändert sich für dich als Du den 1. HG bzw. 5. MG erhalten hattest? Wie war es, als du zum Großmeister ernannt wurdest?

Der 1. HG war damals etwas ganz Exklusives. Es gab nur ganz wenige Höhere Grade und die Prüfung war extrem hart. Ich war damals einer der jüngsten Anwärter und musste mich besonders anstrengen. denn es war nicht üblich, dass jemand so jung über die Schülergrade hinauswuchs. Bei der Prüfung war nicht nur Technik gefragt, sondern SiFu prüfte ebenso die Kampffähigkeit. So musste ich in Schutzausrüstung (inklusive Helm mit Gitter) gegen einen Kollegen antreten. Ich kann mich noch gut an die Prüfung erinnern, die im Ballsaal von Schloss Langenzell stattfand. Ich war so nervös, dass ich, als SiFu sagte: „Begrüßt euch!“, schon loslegte und auf meinen Gegner einschlug. Bevor SiFu dazwischen gehen konnte, hatte ich ihn schon einige Meter zurückgedrängt!

Meister im WingTsun zu werden, ist erst einmal ganz weit weg. Aber irgendwann ist es dann doch soweit, dass man sich das rote T-Shirt überziehen darf. Natürlich war ich damals sehr stolz, dass ich WT-Meister wurde, und es fühlte sich an wie die Krönung vieler Jahre des Lernens und Lehrens. Rückblickend war es aber nur eine Zwischenstation auf dem Weg zu stets neuen Ufern.

Die Ernennung zum Großmeister des WingTsun war für mich ein gewaltiger Meilenstein in meiner WingTsun-Karriere. Auch wenn der 9. GM Grad „MOA – Man of Arrival“ genannt wird – also, man ist jemand, der ankommt –, so bedeutet es für mich nicht, mich nicht mehr weiterzuentwickeln! Mein Weg weiter geht – sowohl im WT als auch im gesamten Leben! WT ist für mich eine Philosophie des ständigen Wachstums und es hat mir noch nie so viel Spaß gemacht wie just zu dieser Zeit!