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WingTsun-Welt Online

Porträt Jan-Holger Nahler

Sifu Jan-Holger Nahler

6. Meistergrad


Schule(n) in: Koblenz am Rhein

Schulleiter seit: 1992

 

Motto:

WingTsun ist für mich eine auf viele Lebensbereiche übertragbare Lebensphilosophie, die mir bei der Optimierung meiner Potenziale hilft und die Möglichkeit gibt, balanciert mit Herausforderungen umzugehen und wenn es einmal sein muss, mit äußerster Konsequenz meine persönliche Freiheit und meine Werte zu verteidigen.

Warum hast du mit WingTsun angefangen?

Als jugendlicher ambitionierter Kampfsportler schaute ich mir einmal ein örtliches WingTsun-Training an und war von dem, was ich sah, nicht sehr begeistert. Man trainierte gerade SiuNimTau und PoonSao und das wirkte aus meiner WingTsun-ungeschulten Kampfsportlersicht – gelinde formuliert –sehr dämlich; denn ich konnte damit nichts anfangen und den Sinn und Nutzen dieser Übungen nicht erkennen.
Als ich ca. ein Jahr später das Buch „Vom Zweikampf“ gelesen hatte, war klar: „Das möchte ich lernen – WingTsun, die ultimative Kampfkunst und Selbstverteidigung“
Ich merkte sehr schnell, dass fast alles, was ich über Selbstverteidigung in anderen Stilen zuvor erlernt hatte, im WingTsun fast gegenteilig und aus meiner Sicht viel systematischer und intelligenter gelöst wurde. Das gefiel mir sehr und stärkte meine Überzeugung, diesen Stil meistern zu wollen.

Warum machst du immer noch WingTsun?

Auf der einen Seite kann ich mit meinem Hobby und meiner Leidenschaft WingTsun einen gewichtigen Teil meines Lebensunterhalts verdienen. Zum anderen betreibe ich WingTsun noch immer, weil ich davon fasziniert bin, lebenslang dazulernen zu können. WingTsun ist noch kein bisschen langweilig geworden. Es macht irre Spaß, auch Altbekanntes noch einmal neu und unter anderen Aspekten zu durchleuchten.
Und der stets frische Input von SiFu ist dabei ein wichtiger Aspekt. Auch wenn ich zugegebenermaßen anfangs oft etwas skeptisch reagiere, kann ich mich auf das „Neue“ einlassen und in den meisten Fällen danach für mich verbuchen, dass uns die neuen Erkenntnisse und Fähigkeiten in unserer Kampfkunst enorme Schritte in Verständnis und Umsetzung weiterbringen.
Ein weiterer, immer wieder motivierender Punkt sind meine Schüler und meine Kollegen, mit denen ich bis jetzt langjährige Freundschaften und eine gute Zusammenarbeit erleben durfte.
Aber auch bei denen, mit denen es zum Bruch kam, half mir WingTsun oft, die Situation als Spiegel eigenen Verhaltens und eigenen Denkens zu erkennen und damit nachträglich die eigens gesetzten Ursachen zu verstehen.
Dabei spielt auch das „Achten und Ehren“, eine besonders wichtige Rolle, sofern diese nicht als Einbahnstraße missbraucht wird.

Welches war dein herausragendes WT-Erlebnis?

Im ersten Impuls bin ich geneigt, das Kennenlernen diverser teils berüchtigter WingTsun-Meister zu nennen, die schillernde und glänzende Aushängeschilder der EWTO waren und mit denen sich jeder gern brüstete.
Aber beim Innehalten und Nachdenken kommt mir etwas „weniger Spektakuläres“, aber nachhaltig betrachtet, wesentlich Wichtigeres: das Kennenlernen meines SiHings Sifu Heiko Martin – heute 7. MG – und damit das Aufgenommen-Werden in seine Schule im Jahr 1989 und die auch heute noch vertrauensvolle Zusammenarbeit nach über 27 Jahren.
Er hat uns nicht nur äußerst kurzweiligen WingTsun-Unterricht geboten, sondern auch Werte vorgelebt und uns ein Maximum an Freiheit anvertraut. So mussten wir keine konformen Abziehbildchen werden, sondern durften eigenständige WingTsun-Persönlichkeiten mit individuellen Ansichten und Ausprägungen werden. Er hat für mich das „We are Family“ bis heute vorgelebt und ich hoffe, dass ich das wenigstens ansatzweise bei meinen eigenen Schülern weiterzutragen vermag. Dies ist mir wichtiger als so mancher flüchtige Ruhm und schnellverdiente Euro.
Ebenso einen ganz großen Dank an Sifu H-.P. Edel, den ich im Jahre 2000 kennenlernte und von dem ich WingTsun in (s)einer unvergleichlich eleganten Art lernen darf, die mich immer wieder von Neuem verblüfft, begeistert und prägt.

Was änderte sich für dich, als du den 1. HG bzw. den 5. MG erhalten hattest?

Der 1.HG war für mich der absolute Meilenstein. Wer zu Beginn meiner WingTsun-Ausbildung den 1. Lehrergrad hatte, war bereits der Oberknaller und in meinen jugendlichen Vorstellungen schier unbesiegbar. Mit dem Erreichen des 1. HG war die Hürde vom bloßen Schülerdasein zum angesehenen WingTsun-Lehrer unübersehbar überwunden und der Traum seit Beginn meines WingTsun-Trainings erfüllt – wenn gleich das totale Unbesiegbarkeitsgefühl enttäuschend unvollständig war. Aber dann kamen sofort die brutalen Herausforderungen der ungeahnten Art: Ich weiß noch, wie ich vorm Spiegel stand und ohne Anleitung versuchte, die Jacke des traditionellen Anzugs zu binden. Zwischenzeitlich kam mir der Gedanke, dass dies die kreative KungFu-Geduldsprobe gewesen sein muss.
Zwischen 1. HG und 5. MG war dann die Sifu-Titel-Verleihung auf dem 25-Jahre-EWTO-Jubiläumsevent im Jahre 2001 – ein weiteres absolutes Highlight meiner WingTsun-Karriere. Die Nominierung dazu traf mich sehr unerwartet und um so stolzer war ich, da ich persönlich mit diesem Titel bestimmte Werte verbinde.
Die praktische Abschlussprüfung zum 5. MG konnte ich 2010 in Livorno im Fast-Einzelunterricht bei SiFu absolvieren. Ebenso wie die Prüfung zum 6. MG 2016 waren der geforderte Einsatz und die zu überwindenden Entbehrungen sehr groß. So groß, dass ich so manches Mal an Aufgeben und Resignieren dachte. Aber im Nachhinein ist man dann natürlich doch sehr froh und stolz, auf das Erreichte schauen zu können.
Blicke ich jetzt zurück auf das emotionale Empfinden dieser Momente: der 1. Höhere Grad – früher noch 1. Technikergrad – im Jahre 1995 war sicherlich mit der größte Ego-Push – vergleichbar mit dem Volljährig-Werden – und damit wahrscheinlich auch die wichtigste zu überwindende Hürde in meinem WingTsun-Leben.
Der 5. und 6. MG sind ebenfalls sehr wichtig gewesen, aber man wird ja auch älter und betrachtet die Dinge etwas gesetzter.