uk union flagDas Magazin der EWTO
WingTsun-Welt Online

Porträt Dominique Brizin

Sifu Dominique Brizin

5. Meistergrad


Magister Sport – Kampfkunst

EWTO-Leadership-Team

Schule(n) in: Leitet zurzeit keine Schule

Trainer 1 seit: 1999

 

Motto:

Für mich bedeutet WingTsun ständige Weiterentwicklung für Körper, Geist und Seele.

Warum hast du mit WingTsun angefangen?

Kampfkünste haben mich mein Leben lang fasziniert. Als Knirps war ich bereits mit meinem Großvater und meinem älteren Bruder im Turnverein aktiv. Die Kunst des Bewegens und der Kontrolle über den Körper waren dort dominant und ich hatte viel Spaß daran. Das umfassendere Ausloten und Erforschen des Bewegungsspektrums war dann ausschlaggebend, dass ich bereits sehr früh mit Kampfkünsten wie TaeKwonDo, Combat HapKiDo und TaiChi begann. So ziemlich alles, was in unserem Städtchen Saarburg damals eben möglich war. Als ich dann von einem Bekannten erfuhr, dass in einem Nachbarort „so was Chinesisches“ angeboten wurde, war ich natürlich gleich Feuer und Flamme und nahm die – damals – lange Fahrt auf mich. Die Trainerin dort, Daniela Holbach, verstand es unfassbar gut, mir das WingTsun zu vermitteln. Mir zu verdeutlichen, dass es nicht nur um die Bewegungen selbst, sondern auch um philosophische und strategische Hintergründe gehe.
Zu dem Zeitpunkt dachte ich, ich sei kämpferisch eigentlich „ganz gut drauf“. Deswegen kam ich ihrer Einladung, sie „wirklich heftig“ anzugreifen, nur zögerlich nach. Ich wollte sie ja nicht verletzen … Nachdem sie aber meine ersten Angriffe mit Leichtigkeit abgewehrt hatte, weckte sie doch meine Ambitionen und ich gab am Ende Alles. Nun, das Ende vom Lied: Ich lag in der Ecke mit sanften Schmerzen, war super glücklich, dass ich zum WingTsun gefunden hatte und unterschrieb noch am gleichen Tag den Vertrag.

Warum machst du immer noch WingTsun?

Wenn ich zurückblicke, was ich bereits alles gelernt habe, bin ich sehr dankbar, dass ich an all den Entwicklungen und Veränderungen teilnehmen durfte. Sie haben mich als Person sehr geprägt und mir dabei geholfen, mein Leben in allen Lebensbereichen flexibler, bewusster und freier zu erleben und zu gestalten. Ich bin immer noch Schüler. Und wenn ich nach vorn blicke (zu unserem lieben SiFu), dann sehe ich auch noch ganz viel, was ich lernen und erfahren kann. Kein Ende in Sicht! Seien es die verschiedenen Strategien, an die ich herangeführt werde: vom adaptiven Nachgeben hin zum strukturellem Erspüren und Umleiten von Kräften Oder die wunderbaren Prinzipien, die sich aus philosophischen Strömungen ergeben und im Körper „zum Leben erweckt werden“. Kann man da überhaupt je „ausgelernt“ haben?

Es geht ja lange nicht mehr um das auswendige Herunterbeten und Sammeln von Bewegungsabfolgen. Das, was mich ganz am Anfang als kleines Kind noch fasziniert hatte, empfinde ich heute eher als störend. Es geht um das Erleben des Moments, um die aktuelle Konstellation, die sich zwischen mir und meinem Gegenüber ergibt. Diese ist immer einmalig und will aufs Neue erfahren werden. Und dies geht am Ende weit über jenes WingTsun hinaus, oder? Durch das Training der letzten Jahre hat meine Achtsamkeit deutlich zugenommen – für mich, meinen Körper, meine Emotionen, aber auch für meine Umwelt. Und dies nicht zuletzt durch das Training mit SiFu Kernspecht und GM Thomas.

Die beiden sind darüber hinaus auch ein großer Antriebsmotor. Mit ihrer Begeisterung für alles Neue, was sie entdecken, mit dem Funkeln in den Augen, das immer an ein Kind erinnert, dass Weihnachten Geschenke auspacken darf. Davon lasse ich mich gern anstecken.

Ich bin auch dankbar für die Chance, die Schulleiter und Ausbilder durch die Leadership-Ausbildung zu begleiten und SiFu durch meine Assistenzstelle akademisch unterstützen zu dürfen. Ich habe die Gelegenheit bekommen, die Studenten unserer Studiengänge zu unterstützen und die Möglichkeit mich mit Akademikern und Größen anderer Kampfkünste international zu vernetzen und mit ihnen über viele Aspekte der Kampfkunst zu sinnieren.

Am Ende ist da natürlich noch die „Familie“. Man kommt mittlerweile zu einem Lehrgang und freut sich über all die Menschen, die man wiedersieht, so dass ein jedes Seminar auch immer eine Art Fest darstellt. Ich empfinde Dankbarkeit einige sehr wichtige Menschen, mit denen ich das Leben gemeinsam entdecke durch WingTsun kennengelernt zu haben.

Welches war dein herausragendes WT-Erlebnis?

Es gab häufig Momente im WT-Leben, die herausragend waren, nur um ein paar Jahre später wieder übertrumpft zu werden. Schmälert das die vorangegangenen?
Eigentlich nicht – ich kann also gar nicht genau sagen, welche es sind. Dass ich WingTsun für mich entdeckt habe, ist an sich bereits eine wunderbare Tatsache. Aber auch alle Aha-Erlebnisse, die ich dank SiFu immer wieder haben darf, sind herausragend. Momente, wie mit SiJo Leung Ting die Gesundheitsform zu lernen oder mit Natalie die Soloformen erfahren zu dürfen und dabei achtsamer zu werden. Instrumente an die Hand zu bekommen, durch die ich bewusster werde, immer mehr „aufwache“. Das Alles ist ein wunderbarer Prozess und nicht ein einmaliges Erlebnis.

Was änderte sich für dich, als du den 1. HG bzw. den 5. MG erhalten hattest?

Schwer zu sagen. Den unendlich lang erscheinenden Weg der Schülergrade geschafft und mit dem 1. Lehrergrad (heute 1. HG) offiziell beendet zu haben, war schon ein tolles Gefühl. Als ich mit WingTsun anfing, gab es ja noch nicht viele Höhere Grade, geschweige denn Meister. Daher hätte ich zu diesem Zeitpunkt auch nie daran gedacht, Meister zu werden. Aber so schön das Gefühl auch war, es verflog ehrlich gesagt doch auch recht schnell und wurde zur Normalität, ähnlich wie beim Erreichen eines Diploms oder anderer Titel. So ist das mit dem „Haben“.

Dass ich mal Meister sein könnte, kam mir erst mit dem Erreichen des 4. HGs tatsächlich in den Kopf. Da war es auf einmal so, dass es schon einige Meister gab und es gar nicht mehr so abstrakt klang. Nun war es da aber auch schon so, dass das Erlangen nicht mehr nur an Technikabfolgen („sammeln“), sondern auch verstärkt an Fähigkeiten gebunden war – was mich viel mehr faszinierte –und das Erreichen auch interessanter machte.

Irgendwann bekam ich den 5. MG und durfte mich „Meister“ nennen. Ich finde es gut, die Leistung und den Aufwand zu würdigen, anzuerkennen und denke, dass dies gebührend gefeiert werden sollte. Es gibt aber eben auch viel Meisterschaft und Können ohne Anerkennung sowie es Titel und Urkunden auch ohne Meisterschaft gibt. Den Meistertitel zu „haben“ ist nett, aber macht allein noch keinen besseren Menschen aus uns. Außerdem birgt die Tatsache, Meister zu sein, implizit die Gefahr zu denken, dass man nun „fertig“ sei…

Ich bin immer noch der Dominique, der Schüler, der mehr lernen will und sein Wissen gern mit seinen Mitmenschen teilt, und bei all dem vor allem Spaß haben möchte. Wir werden alle durch unsere bisherigen Erfahrungen und unser Wissen eingeschränkt. Die Welt, unser Umfeld verändern sich stetig weiter und wenn wir stehen bleiben, werden wir früher oder später auf Schwierigkeiten stoßen. Als Meister sehe ich mich lediglich noch mehr als vorher dazu angespornt, das, was ich erzähle, auch zu leben; denn man ist nun einmal Vorbild und das bringt Verantwortung mit sich: nicht nur für die Menschen in unserer unmittelbaren Nähe, sondern durch sie auch indirekt für viele andere.